sands3_Luka DakskoblerSOPA ImagesLightRocket via Getty Images_oxygen Luka Dakskobler/SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Pandemie oder nicht, medizinischer Sauerstoff bleibt unverzichtbar

GENF – Zu den schockierenden Bildern der COVID-19-Pandemie gehörten Menschen, die nach Luft rangen und nicht mehr atmen konnten. Ihr Blutsauerstoff war so stark erschöpft, dass einige von ihnen in den vor den Krankenhäusern aufgereihten Krankenwagen starben. In wohlhabenderen Ländern wurden die Kapazitäten der Beatmungsgeräte in panischer Eile erweitert, um der Flut von Menschen mit akuten Atemnotproblemen Herr zu werden. In Ländern wie Indien und Kenia waren die Menschen noch verzweifelter auf der Suche nach Sauerstoffflaschen für ihre Angehörigen. Neun von zehn Krankenhäusern in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen verfügten nicht über die nötige Ausrüstung für eine Sauerstofftherapie.

Der Globale Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria, Unitaid, USAID und weitere globale Organisationen haben schnell reagiert, als sie sahen, dass Menschen aufgrund von Sauerstoffmangel starben. Im Rahmen des Access to COVID-19 Tools Accelerator wurde die Oxygen Emergency Taskforce gegründet, um die Notfallmaßnahmen zu koordinieren, den Zugang zu erweitern und die Versorgung sicherzustellen. Die Taskforce hat seitdem Investitionen von mehr als 1 Milliarde US-Dollar für den Sauerstoffbedarf überwacht, hauptsächlich über den COVID-19-Reaktionsmechanismus (C19RM) des Globalen Fonds. Diese Mittel wurden für die Beschaffung von Sauerstoffflaschen und Großbehältern, die Installation von Sauerstoffproduktionsanlagen (so genannte Druckwechseladsorptionsanlagen) und spezielle Schulungen für medizinisches Personal verwendet.

Diese Reaktion kam für zu viele Menschen jedoch zu spät, da der Höhepunkt der Pandemie mit einer weltweiten Knappheit an Sauerstoffflaschen zusammenfiel. Die Ausstattung eines Krankenhauses mit einer nachhaltigen Sauerstoffversorgung dauert viele Monate. Es müssen hochkomplexe Geräte und Rohrleitungen installiert werden, und die Schulung des Gesundheitspersonals zur sicheren Sauerstoffversorgung kann nicht über Nacht erfolgen.

Nach der akuten Phase der Pandemie hat sich der Fokus der Oxygen Emergency Taskforce darauf verlagert, den Zugang zu medizinischem Sauerstoff nachhaltig zu verbessern. Ziel ist es, einen erneuten Vorfall wie bei COVID-19 zu vermeiden. Auch außerhalb einer Pandemie gibt es zwingende Gründe dafür, den Zugang zu medizinischem Sauerstoff zu verbessern. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen führt der Mangel an Sauerstoff jedes Jahr zu 800.000 vermeidbaren Todesfällen. Neugeborene sterben am Atemnotsyndrom. Mütter sterben, wenn Komplikationen bei der Geburt zu einer Hypoxämie führen. Auch akute Traumaopfer, beispielsweise durch Gewalt oder Verkehrsunfälle, können aufgrund von Sauerstoffmangel sterben. Chirurgische Eingriffe bei einer Vielzahl von Erkrankungen, einschließlich Krebs, können ohne medizinischen Sauerstoff nicht durchgeführt werden.

Es gibt wohl kaum ein besseres Beispiel für eine Investition, die gleichzeitig die Pandemievorsorge stärkt und Leben rettet. Untersuchungen der Every Breath Counts Coalitionzeigen, dass Krankenhäuser, die eine pädiatrische Versorgung mit einem voll funktionsfähigen Sauerstoffvorrat anbieten, die Todesfälle aufgrund von Lungenentzündungen bei Kindern um fast die Hälfte und die Todesfälle bei Kindern insgesamt um ein Viertel reduzieren können.

Um das Tempo der Fortschritte bei der Ausweitung des Zugangs zu medizinischem Sauerstoff aufrechtzuerhalten, haben der Globale Fonds und Unitaid zusammen mit anderen Partnern die Oxygen Emergency Taskforce in eine Globale Sauerstoffallianz (Global Oxygen Alliance, GO2AL) umgewandelt. Ihre Ziele sind die finanzielle Unterstützung der Sauerstoffproduktion und -versorgung, umfassende technische Unterstützung und Schulungen sowie das Engagement für einen gerechten Zugang.

Introductory Offer: Save 30% on PS Digital
PS_Digital_1333x1000_Intro-Offer1

Introductory Offer: Save 30% on PS Digital

Access every new PS commentary, our entire On Point suite of subscriber-exclusive content – including Longer Reads, Insider Interviews, Big Picture/Big Question, and Say More – and the full PS archive.

Subscribe Now

Auch die nationalen Regierungen übernehmen die Führung. So haben der kenianische Präsident William Ruto und Bezirksgouverneure im April dieses Jahres 41,7 Millionen US-Dollar für ein Programm zur Verteilung von medizinischen Sauerstoffflaschen und Großbehältern an die Gesundheitszentren des Landes bereitgestellt. Kenia baut zudem mit Unterstützung des Globalen Fonds und anderer Partner ein landesweites Netz von Sauerstoffproduktionsanlagen, Großbehältern und Verteilungskanälen für Sauerstoffflaschen auf, um zu gewährleisten, dass Krankenhäuser und Einrichtungen der ärztlichen Grundversorgung über ausreichend Vorräte verfügen.

Während der COVID-19-Pandemie starben viele Menschen an Sauerstoffmangel. Heute sterben immer noch unnötigerweise viele Menschen an anderen Krankheiten, weil medizinischer Sauerstoff nicht routinemäßig verfügbar ist. Deshalb haben wir ehrgeizige Anstrengungen unternommen, um den Zugang zu medizinischem Sauerstoff in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu verbessern.

Dank der Großzügigkeit der Geber, allen voran der USA und Deutschlands, hat der Globale Fonds bis heute 617 Millionen US-Dollar investiert, um 98 Länder und sechs regionale Projekte bei ihren Bemühungen um einen besseren Zugang zu Sauerstoff zu unterstützen. Millionen von Menschenleben werden dadurch gerettet und die Fähigkeit der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, auf künftige Krankheitsbedrohungen zu reagieren, erheblich verbessert.

Traurigerweise wird nichts die Menschen zurückbringen, die nach Luft schnappend gestorben sind. Aber dank unserer vereinten Reaktion auf COVID-19 kann Millionen von Menschen ein ähnliches Schicksal erspart bleiben.

Übersetzung: Andreas Hubig

https://prosyn.org/r0Qxh1Tde