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Denkanstöße für Wege aus der Klimakrise

NEW YORK – Alles, von Sicherheitsgurten und Kondomen über Gesundheitsvorsorge bis hin zur Rettung von Banken, reizt zu risikoreichem Verhalten oder dem, was Ökonomen „moralisches Risiko“ nennen. Selbst wohlbegründete und gut gemeinte politische Maßnahmen können unbeabsichtigte – und unerwünschte – Folgen haben. In den 1960er- und 1970er-Jahren lehnten viele Umweltschützer Atomkraft ab, weil das Versprechen billiger, unbegrenzter Energie ihrem eigenen Streben nach Energieeffizienz und Einsparungen zuwiderlief.

Die Debatte hält bis heute an. Welche Klimatechnologien verdienen unsere Unterstützung, und welche verleiten uns mit dem falschen Versprechen eine Patentlösung zu sein, die Hände in den Schoß zu legen? Die Liste der „Lösungen“ für das Klima wird ständig erweitert und reicht von futuristischen Fusionstechnologien bis hin zu grünem Wasserstoff, von Wärmepumpen über Induktionsherde bis hin zu besserer Isolierung und – natürlich – Solar- und Windenergie.

Die Medien hofieren „Einhörner“ (Start-ups, die über eine Milliarde Dollar wert sind), die die bahnbrechende Innovation versprechen, auf die wir alle gewartet haben. Doch auch wenn Innovation sicherlich wichtig ist, erfahren nicht alle Technologien das gleiche Maß an Unterstützung in ihrer Entwicklung, und Listen darüber, was als „Climate Tech“ zählt ‒ als Technologie, die explizit auf die Vermeidung oder Reduzierung von Treibhausgasemissionen abzielt ‒ werden oft zum politischen Lackmustest. So richten viele ihre Aufmerksamkeit inzwischen über Solarenergie hinaus auf neuere, aufregendere Technologien. Die sinkenden Kosten der Solarenergie sind jedoch das Resultat technologischer Durchbrüche und von Forschungs- und Entwicklungssubventionen, und die Tatsache, dass sie zu einer etablierten Klimatechnologie wird, macht sie nicht weniger wichtig.

Natürlich ist Solarenergie nicht die ganze Antwort. Wir können nicht über Solarenergie reden, ohne über die Auswirkungen auf die Flächennutzung und das Stromnetz zu sprechen, und wir können auch nicht über grünen Wasserstoff reden, ohne die potenziellen Folgen von Wasserstofflecks anzusprechen ‒ ein Problem, das Erdgas von einer vielversprechenden „Brückentechnologie“ schnell zu einer Ursache für große Umweltprobleme gemacht hat. Es ist richtig, den schnell wachsenden Markt für Elektrofahrzeuge mit Beifall zu begrüßen, aber es ist ebenso wichtig, das enorme Potenzial nicht nur von Transportalternativen wie E-Bikes (oder altmodischen Fahrrädern), sondern auch von besseren Städten zu berücksichtigen.

Viele dieser Debatten erübrigen sich von selbst. Es geht nicht um E-Fahrzeuge oder E-Bikes; wir brauchen beides. In der (Klima-)Not schmeckt jedes Brot. Debatten über Kompromisse sind aber entscheidend und verraten einiges über unsere Vorurteile, Prioritäten und Weltanschauungen. Warum sollte man die Torheit des deutschen Atomausstiegs zehn Jahre vor dem geplanten Kohleausstieg aufs Korn nehmen, anstatt das Augenmerk auf die deutschen Bauvorschriften zu richten, die ein Vorbild für den Rest der Welt sein sollten? Deutschlands „gut abgedichtete Fenster“ sorgen nicht für Schlagzeilen, aber Investitionen in diese zugegebenermaßen langweilige Klimatechnologie könnten letztlich mehr zur Senkung der Treibhausgasemissionen beitragen als manch eine hochgejubelte Innovation.

Was wirklich zählt, ist das Zusammenspiel von Technologie, Politik und Verhaltensänderung. Auch wenn Induktionsherde allein keine großen Auswirkungen auf die globalen oder persönlichen Treibhausgasemissionen haben werden, ist der Austausch des alten Gasherds gegen einen neuen Induktionsherd oft der letzte Schritt, bevor die Gasleitung im Haus ganz abgestellt wird. Induktionsherde und Wärmepumpen sind die beiden wichtigsten Klimatechnologien, die es ermöglichen, bei Neubauten ganz auf Gas zu verzichten. Und da jeder essen und die Temperatur in seiner Wohnung regulieren muss, ist keine der beiden Technologien mit einem großen moralischen Risiko verbunden.

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Betrachten wir nun Technologien zur Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Auch sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Verwirklichung einer kohlenstoffarmen Zukunft, und doch wecken sie die Erwartung – ob berechtigt oder nicht –, dass wir gemächlich weitermachen können wie bisher, ohne unsere Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten zu ändern.

Was beibehalten werden soll, ist eine politische Frage. Während einige Elektroautos als Möglichkeit gutheißen, ihr tägliches Pendeln zur Arbeit zu dekarbonisieren, sehen andere darin ein neues moralisches Risiko. Denn je effizienter die Autos werden, desto mehr können wir ohne schlechtes Gewissen fahren. Doch anstatt lange Pendlerwege beizubehalten, warum nicht die Bebauungspläne ändern, um mehr Wohngegenden zu gestalten, in denen man alles zu Fuß erreichen kann? Anstatt immer nur die neuesten Entwicklungen unter die Lupe zu nehmen, können wir einige der wirksamsten technischen Lösungen bereits in der realen Welt finden. Schauen Sie sich nur die traditionelle europäische Stadt an. Wie Andrej Karpathy, der ehemalige Leiter der Abteilung für künstliche Intelligenz bei Tesla, staunt, ist sie „kompakter, dichter ... fußgänger- und fahrradfreundlicher“.

Eine letzte Überlegung betrifft die Tatsache, dass einige Klimatechnologien das genaue Gegenteil des moralischen Risikos bewirken könnten. So könnte etwa solares Geoengineering für so radikal und kontrovers gehalten werden, dass die bloße Erwähnung dieser Technologie uns motivieren könnte, die Kohlenstoffbelastung schneller zu reduzieren. Aber wir dürfen uns natürlich nicht auf diesen Effekt verlassen. In diesem Fall würden wir, ironischerweise, erneut in die Moral-Hazard-Falle tappen.

Wie lässt sich also beurteilen, ob eine bestimmte Klimatechnologie das halten wird, was sie verspricht? Es gibt zwar keine narrensichere Methode, aber man kann viel lernen, wenn man sich den Grad der Dekarbonisierung ansieht, der bereits erreicht wurde. Im Großen und Ganzen gibt es Dutzende von Möglichkeiten, die Emissionen in jeder Branche oder jedem Wirtschaftssektor um 5%, 10% oder sogar 20% zu senken. In den meisten Fällen handelt es sich um kleine Prozessänderungen, die darauf abzielen, zusätzliche Effizienzgewinne zu erzielen. So wird eine effizientere Gasheizung Ihre Heizkosten und Ihre Emissionen über Nacht um 10 oder 20% senken, und dasselbe gilt für eine effizientere Turbine im Gaskraftwerk.

Die Effizienz bestehender, auf fossilen Brennstoffen basierender Prozesse kann jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt gesteigert werden. Um über die 20% hinaus auf 80-90% oder mehr zu kommen, muss man in der Regel von fossilen Brennstoffen auf kohlenstofffreie Energiequellen umsteigen. In den meisten Sektoren gibt es eigentlich nur ein oder zwei Möglichkeiten, die Emissionen in diesem Umfang zu senken. Im Bausektor beispielsweise erfordern große Einsparungen die Installation von Wärmedämmung und Wärmepumpen. In der Stahlindustrie gibt es zwei Möglichkeiten: grüner Wasserstoff oder vollständige Elektrifizierung, wobei ein geschlossener Kohlenstoffkreislauf als vielversprechender dritter Weg in Frage kommt.

Die Schlüsselfrage bei der Betrachtung des moralischen Risikos im Kampf gegen den Klimawandel ist also, ob eine Technologie ein Unternehmen, eine Branche oder einen Sektor näher an die Umsetzung einer 80-100%igen Lösung heranführt, als eine 10- oder 20%ige Maßnahme, die das Problem lediglich vor sich herschiebt. Ihr neues Elektroauto wird Ihre Verkehrsemissionen nicht von selbst auf null reduzieren – nicht, solange wir nicht auch den Stahl, der zu seiner Herstellung verwendet wird, und die Elektrizität, mit der es betrieben wird, dekarbonisiert haben. Aber es hat zumindest das Potenzial, eine 80-100%ige Lösung zu sein.

Es ist ein moralisches Risiko, zu glauben, dass die Technologie uns retten wird. Genauso gefährlich ist es jedoch, Innovationen zu ignorieren, die eine grundlegende Veränderung bedeuten könnten, wenn sie mit den richtigen Maßnahmen, Investitionen und politischer Entschlossenheit einhergehen. Ob eine Klimalösung ein moralisches Risiko darstellt, hat wenig mit der Lösung selbst und alles mit uns zu tun.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow

https://prosyn.org/MgJsN1Pde