velasco103_ULISES RUIZAFP via Getty Images_mexicocoronavirussanitation Ulises Ruiz/AFP via Getty Images

Das Virus zieht gen Süden

SANTIAGO – Das Coronavirus COVID-19 ist in Lateinamerika angekommen, doch wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sind es nicht – zumindest nicht in jedem Land. Präsident Andrés Manuel López Obrador in Mexiko und Präsident Jair Bolsonaro in Brasilien machen es US-Präsident Donald Trump nach und halten in dem unverantwortlichen Versuch, sich als starke Männer darzustellen, noch immer Kundgebungen ab und umarmen ihre Anhänger. Es bedarf jedoch einer ernsthafteren, ehrgeizigen und zielgerichteten Reaktion, um zu verhindern, dass sich diese Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Katastrophe entwickelt.

COVID-19 hat Italien, das pro Kopf mehr Ärzte und Krankenhausbetten hat als Lateinamerika, verheert. In den USA herrscht ein Mangel an Testsets; in Großbritannien fehlen Beatmungsgeräte. Es wäre naiv, zu glauben, dass dieselben Probleme Lateinamerika mit seiner schwachen Bilanz während früherer Pandemien verschonen werden: Während der asiatischen Grippe von 1957-58 war Chile mit 9,8 Todesfällen pro 10.000 Einwohnern weltweites Schlusslicht.

Lateinamerika hat eine Menge Erfahrung mit Krisen unterschiedlichster Art, aber diese ist ohne Beispiel. Erste Priorität ist es, Leben zu retten, daher ist jeder Peso, den man ausgibt, um das Virus einzudämmen, eine gute Investition. Dies ist nicht die Zeit zum Knausern.

Beschaffenheit und Schweregrad der wirtschaftlichen Erschütterung sind ebenfalls neu. Noch nie wurde ein derart großer Teil der Bevölkerung aufgefordert, die Arbeit einzustellen. Selbst wenn der Lockdown nicht mehr als zwei Monate dauert, ist ein zweistelliger Rückgang des jährlichen BIP möglich.

Ohne eine starke Reaktion seitens der Politik ist dies erst der Anfang. Wenn Familien ihr Einkommen verlieren, geben sie auch kein Geld mehr aus, sodass auch andere ihre Einkommen verlieren. Wenn Unternehmen keine Einnahmen erzielen, sind sie möglicherweise nicht in der Lage, ihre Lieferanten zu bezahlen und ihre Schulden zu bedienen. Wenn Banken und andere Gläubiger nicht bezahlt werden, stellen sie womöglich ihre Kredite fällig und verlangen die vollständige Rückzahlung, was die Liquiditätsengpässe bei Unternehmen und Haushalten verstärkt. Und wenn die Preise für Vermögenswerte (Aktien, Anleihen und letztlich Immobilien) zusammenbrechen, haben alle weniger Sicherheiten und damit geringere Kreditkapazitäten. Der Liquiditätsmangel wird sich durch das System verbreiten und Konkurswellen hervorrufen.

Die Rolle makroökonomischer Politik besteht darin, diesen Teufelskreis zu stoppen. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise müssen schnell und mit Wucht erfolgen.

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Als Erstes muss die Politik verhindern, dass die privaten Haushalte ihr Einkommen verlieren. Das bedeutet, die Arbeitsbestimmungen zu ändern, sodass Arbeitnehmer auch dann bezahlt werden, wenn sie nicht Vollzeit arbeiten. In Großbritannien und Dänemark wird der Staat vorübergehend 80% bzw. 75% der Lohnkosten in Schwierigkeit steckender Unternehmen bezahlen. Die lateinamerikanischen Regierungen werden sich so etwas vermutlich nicht leisten können. Doch können stärker maßgeschneiderte Ansätze funktionieren. So erlaubt etwa das chilenische Programm Unternehmen, ihre Arbeitnehmer auf Teilzeit zu setzen und die Arbeitslosenversicherung in Anspruch zu nehmen, um sicherzustellen, dass Arbeitnehmer mindestens 75% ihres ursprünglichen Lohns erhalten.

Eine Schwierigkeit in Lateinamerika ist, dass ein großer Teil der Erwerbsbevölkerung selbstständig ist oder im informellen Sektor arbeitet. Diese Menschen haben also keinen Arbeitgeber, der ihnen weiter ihren Lohn zahlt oder irgendeine Versicherung zur Verfügung stellt. Aus diesem Grund sollten die Regierungen Haushalte, die ihr Einkommen verloren haben, mit Bartransfers unterstützen. In Ländern, in denen es umfassende Bartransfer-Programme gibt (darunter Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Chile und Mexiko) kann die Umsetzung rasch und auf breiter Front erfolgen. Andere Länder werden zusätzliche Herausforderungen bewältigen müssen, um eine ausreichende Anzahl an Haushalten zu erreichen, da es vielen an einem Bankkonto oder Internetzugang fehlt. Für Peru bedeutet dies, dass eine Subvention von 380 Soles für Bedürftige persönlich an festgelegten Standorten abgehoben werden muss und zudem auf die Bewohner der Städte beschränkt ist.

Die makroökonomische Politik muss zudem den Unternehmen helfen, Zahlungsausfälle gegenüber ihren Arbeitnehmern, Lieferanten und Gläubigern zu vermeiden. Dies erfordert es, den Zugriff auf Kredite für die Dauer des Notfalls sicherzustellen. Zinssenkungen sind eine notwendige, aber nicht hinreichende Komponente dieser Bemühungen. Währungsbehörden und Finanzregulierer müssen den Banken und anderen Kreditgebern starke Anreize geben, den Geldfluss gegenüber kleinen und anfälligen Unternehmen und vom Virus besonders hart getroffenen Sektoren aufrechtzuerhalten. Eine Mischung aus besonderen Kreditlinien und Duldsamkeit seitens der Regulierungsbehörden ist hier angebracht. In einigen Ländern können staatseigene Banken in die Kreditlücke springen, falls private Kreditgeber kalte Füße bekommen.

Weil der gefährliche Kreislauf der Vermögenspreisdeflation und der Vernichtung von Sicherheiten aufhören muss, sollten Lateinamerikas Notenbanken zudem bereitstehen, um nicht nur Staatsanleihen, sondern auch andere Arten privater Wertpapiere aufzukaufen. Und weil ausländische Kredite häufig auf Dollar lauten, sollten Regierungen und Notenbanken, die Devisenreserven oder Zugriff auf Dollarliquidität haben, sich nicht scheuen, diese Dollars auf den lokalen Markt zu werfen. Liquiditätspuffer werden genau für Zeiten wie diese aufgebaut, um zu verhindern, dass die Hyperabwertung einer Währung den Wert von Sicherheiten vernichtet.

Die meisten dieser Maßnahmen belaufen sich locker auf mehrere Prozentpunkte vom BIP. Doch die Reaktion auf den Notfall ist dringend, und die Kosten sind nicht zu vermeiden. Was können die lateinamerikanischen Länder tun, um sie zu finanzieren? Einige Länder – Mexiko, Peru und Chile sowie möglicherweise Kolumbien und Uruguay – haben Spielraum, um zusätzliche Staatsanleihen an den nationalen und internationalen Märkten auszugeben, und den sollten sie nutzen.

Andere Länder jedoch haben keine derartigen Spielräume. Und just da die Zinsen gesunken sind, haben sich die Risikoaufschläge für lateinamerikanische Schuldpapiere verdoppelt, während die Rohstoffpreise fallen. Und die Einnahmen aus dem Tourismus und die Auslandsüberweisungen – die für Länder in Zentralamerika und der Karibik unverzichtbar sind – befinden sich im Sturzflug. Die meisten Länder Lateinamerikas werden daher eine schwere Dollarverknappung erleben, bei der die multilateralen Kreditgeber die einzige Quelle von Dollarfinanzierungen sind.

Der Internationale Währungsfonds hat eine flexible Kreditlinie, eine vorsorgliche Liquiditätslinie und eine (auf einkommensschwache Länder ausgerichtete) Schnellkreditfazilität vorgeschlagen. Dieses Engagement ist hilfreich, doch ob diese Quellen groß genug sind – und schnell genug zur Verfügung stehen – bleibt unsicher.

Dies ist der Grund, warum die Hilfe seitens der US Federal Reserve so wichtig ist. Die Fed ist die ultimative Quelle aller existierenden Dollars. In dieser Krise hat sie anderen Notenbanken Zugriff auf Dollar-Swaplinien gewährt, aber nur aus Ländern, die als systemisch wichtig gelten. In Lateinamerika sind das Mexiko und Brasilien. Warum nicht den mit einem Investment Grade bewerteten Länder Kolumbien, Peru und Chile? Alternativ könnte die Fed vom IWF begebene Anleihen kaufen, und der IWF könnte diese Dollars dann an Schwellenländer und einkommensschwache Volkswirtschaften verleihen (ein alter Vorschlag, dessen Zeit jetzt möglicherweise gekommen ist).

All dies muss passieren – und schnell. Lateinamerika hat das „Glück“, dass das Virus dort ein paar Wochen später ankommen wird als in Europa und Asien. Es muss diese Zeit klug und mutig nutzen.

Theodore Roosevelt hat einmal gesagt: Ohne „den großen Anlass bekommt man keinen großen Staatsmann; wenn [Abraham] Lincoln in Friedenszeiten gelebt hätte, würde heute keiner mehr seinen Namen keinen.“ Lateinamerika befindet sich heute in einem Kampf gegen Ansteckung, wirtschaftliche Depression und gesellschaftliche Verzweiflung. Würden die Lincolns der Region bitte vortreten?

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/dez8ERnde